Die BaFin hat Lebensversicherer zur Umsetzung von Aktiv-Passiv-Management-Praktiken befragt und festgestellt, dass fast alle Unternehmen Inkongruenzen zwischen Kapitalanlagen und Verbindlichkeiten bewusst zulassen, während nur die Hälfte Nachhaltigkeitsrisiken in ihre Analysen einbezieht. Die Aufsicht erwartet eine zunehmende Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken in Stresstests und Szenarioanalysen, um die regulatorischen Anforderungen unter dem Solvency II-Regime besser zu erfüllen.
Versicherer müssen ein wirksames Aktiv-Passiv-Management betreiben. Die BaFin fragte 30 Lebensversicherer, wie sie dabei vorgehen. Bei der Gelegenheit wollte sie auch wissen, wie die Unternehmen Nachhaltigkeitsrisiken im Aktiv-Passiv-Management berücksichtigen. Herauskam, dass – bis auf einen – alle Lebensversicherer Inkongruenzen bewusst zulassen, was sie unter bestimmten Voraussetzungen dürfen. Alle Unternehmen gaben an, beim Aktiv-Passiv-Management mit Stresstests und Szenarioanalysen zu arbeiten. Nur die Hälfte berücksichtigt dabei Nachhaltigkeitsrisiken. Mit seinem Aktiv-Passiv-Management, auch Asset-Liability-Management genannt, stimmt ein Versicherer seine Kapitalanlagen (Aktiva/Assets) und seine versicherungstechnischen Verbindlichkeiten (Passiva/Liabilities) systematisch aufeinander ab. So stellt er sicher, dass Kapitalanlagen und Verbindlichkeiten zueinander und zu seiner Risikostrategie passen. Zudem identifiziert und erfasst das Unternehmen beim Aktiv-Passiv-Management alle wesentlichen Risiken, die sich aus den Kapitalanlagen und Verbindlichkeiten des Unternehmens und aus deren Wechselwirkungen ergeben können. Das Aktiv-Passiv-Management ist ein elementarer Bestandteil des Risikomanagements von Versicherern. Es unterstützt die Geschäftsleitung in ihren Entscheidungsprozessen. Mit Inkrafttreten des prinzipienbasierten Aufsichtsregimes Solvency II Anfang 2016 sind die Anforderungen an das Aktiv-Passiv-Management deutlich gestiegen (siehe Infokasten). Hintergrund sind die größeren Freiheiten, die das Regelwerk in der Kapitalanlage gewährt – anders als die alte Anlageverordnung. … finden sich unter anderem in: Die BaFin wollte sich daher einen Überblick darüber verschaffen, wie Versicherungsunternehmen, die unter Solvency II fallen, die prinzipienbasierten Anforderungen umsetzen und Spielräume des Regelwerks nutzen. Dazu hat sie zunächst Lebensversicherer befragt, weil sich Aktiv- und Passivseite in dieser Sparte stärker gegenseitig beeinflussen als in anderen Sparten. Welche konkreten Ziele Versicherer mit ihrem Aktiv-Passiv-Management verfolgen, müssen sie klar definieren Diese Ziele müssen sie konsistent aus den Vorgaben der Risikostrategie ableiten (siehe hierzu auch Rn. 172 Buchstabe a des BaFin-Rundschreibens 2/2017 (VA)). Die BaFin hat die Unternehmen nach ihren Zielen gefragt. Etwas weniger als 90 Prozent der Lebensversicherer antworteten, dass die Ermittlung einer strategischen Anlagepolitik ein wichtiges Ziel sei. 70 Prozent der Unternehmen gaben die Einhaltung der gesetzlichen Solvabilitätsanforderung an, 60 Prozent nannten die dauernde Erfüllbarkeit der versicherungstechnischen Verpflichtungen als wichtiges Ziel des Aktiv-Passiv-Managements. Die Versicherer berichteten auch, welche Unternehmensbereiche sie in die Steuerung des Aktiv-Passiv-Managements einbinden. Am häufigsten werden demnach Vertreterinnen und Vertreter der Kapitalanlage, des Risikomanagements und des Aktuariats einbezogen. Aber auch Beschäftigte aus der Produktentwicklung, Mitglieder des Vorstands und Mitarbeiter des Controllings sind sehr häufig in den Aktiv-Passiv-Management-Teams zu finden. Inkongruenzen zwischen Kapitalanlagen und Verbindlichkeiten steuern knapp drei Viertel der Versicherer mit Hilfe von Limitsystemen. Gut zwei Drittel der Unternehmen nutzen für die Ermittlung und Bewertung der Inkongruenzen in die Zukunft gerichtete Modellierungen. Die Hälfte gab an, hierfür Softwarelösungen und interne Stresstests oder Sensitivitätsanalysen zu nutzen. Versicherern steht es frei, Inkongruenzen zwischen Kapitalanlagen und Verbindlichkeiten bewusst zuzulassen, wenn dies im Einklang mit ihrer Risikostrategie und den daraus abgeleiteten Limiten steht. Die Aufsicht hat die Lebensversicherer daher auch gefragt, ob und, wenn ja, welche Inkongruenzen sie bewusst zulassen. Mit Ausnahme eines Versicherers lassen demnach alle Unternehmen Inkongruenzen zu. Knapp drei Viertel der Unternehmen nannten Duration Gaps, etwas weniger als zwei Drittel gaben Währungsrisiken an und etwas mehr als 40 Prozent Zinsrisiken. Vereinzelt lassen die Versicherer auch Inkongruenzen beim Liquiditäts-, Immobilien- und Spreadrisiko sowie bei den Stornorisiken bewusst zu. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass alle Unternehmen Stresstests und Szenarioanalysen anwenden. Zwei Drittel der Unternehmen betrachten hierbei einen Zinsrückgang und mehr als die Hälfte der Unternehmen Kapitalmarktschwankungen. Etwa ein Drittel der Unternehmen legt Spreadausweitungen, Stornorückgänge und Liquidität als Stressszenarien zu Grunde. Für Versicherer wird es zunehmend wichtiger, umweltbezogene Risiken zu identifizieren, zu bewerten, zu überwachen, zu steuern und zu kontrollieren (siehe auch BaFinJournal Oktober 2019). Dies hat auch Auswirkungen auf das Aktiv-Passiv-Management, da dieses Teil des Risikomanagements ist, das beim Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken eine besonders wichtige Rolle spielt (siehe hierzu auch Abschnitt 6.8.3 des Merkblatts der BaFin zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken). Die Unternehmen stehen in der Pflicht, zu prüfen, ob die wesentlichen Nachhaltigkeitsrisiken im Aktiv-Passiv-Management in geeigneter Weise abgebildet werden. Die Bestandsaufnahme der BaFin ergab, dass die meisten Unternehmen ihre Anlageportfolios zunehmend an ESG -Kriterien ausrichten. Das Kürzel ESG steht für Environmental, Social und Governance (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung). Um abschätzen zu können, wie sich beispielsweise Nachhaltigkeitsrisiken auf die Cashflows auswirken, ist es zudem sinnvoll, wenn die Versicherer Nachhaltigkeitsrisiken auch in ihre Stresstests und Szenarioanalysen einbeziehen. Die Abfrage hat gezeigt, dass bislang weniger als die Hälfte der befragten Lebensversicherer Nachhaltigkeitsrisiken in entsprechenden Stresstests und Szenarioanalysen berücksichtigt. Allerdings erwartet die Aufsicht, dass dieser Anteil weiter steigen wird und in Zukunft immer mehr Unternehmen Nachhaltigkeitsrisiken mit Hilfe von Stresstests und Szenarioanalysen messen. Die BaFin wird die Unternehmen weiterhin aufsichtsrechtlich begleiten und beobachten, ob und wie sie sich weiterentwickeln. Die BaFin hat für ihre Bestandsaufnahme die – an den verdienten Bruttobeiträgen gemessen – 30 größten Lebensversicherer nach ihrer Aktiv-Passiv-Management-Praxis befragt. Die Unternehmen legten daraufhin dar, auf welche Weise sie die regulatorischen Vorgaben befolgen. In der Praxis kommen Verfahren, Methoden und Modelle auch kumulativ zur Anwendung, so dass die Unternehmen meist mehrere Angaben zu den einzelnen Punkten machten (siehe Infokasten „Bestandsaufnahme der BaFin“). Die Aufsicht beschränkte sich bei ihren Fragen auf qualitative Aspekte. Quantitative und methodische Fragen etwa zu Bewertungen mit Bezug zu Solvenzkapitalanforderungen waren nicht Teil der Bestandsaufnahme. Unter anderem zu diesen Punkten bezogen die 30 befragten Lebensversicherer Stellung: Nadine von Saldern BaFin -Grundsatzreferat für Kapitalanlagen von Versicherern Der Beitrag gibt den Sachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im BaFinJournal wieder und wird nicht nachträglich aktualisiert. Bitte beachten Sie die Allgemeinen Nutzungsbedingungen.